Resolution der späten Trinker

8. Januar 2017 ()

In Erwägung all der vollen Biere
Und des Abends, der so jung noch ist
Haben wir uns entschlossen,
Noch ein Bier zu trinken,
Weil ja schließlich heut’ erst Samstag ist.

Refrain:
In Erwägung, dass man uns dann eben
Mit dem Zettel mit der Rechnung droht,
Haben wir beschlossen,
nunmehr nücht’ren Abend
mehr zu fürchten als Bankrott.

In Erwägung all der bunten Flaschen,
Die das Rückbuffet der Bar enthält,
Haben wir beschlossen,
Reichlich zuzulangen,
Kostet es auch teures Geld.

Refrain

In Erwägung eines Wochenanfangs
Und der Qualen und der Arbeit Fron
Scheint es uns vonnöten
Und nur angemessen
Zu versaufen der Arbeit Lohn.

Refrain

In Erwägung jenes armen Wirtes,
Der die Kellner und die Steuern zahlt,
Woll’n wir uns besaufen
Und viel Trinkgeld geben,
Wie ein Banker, der mit seinen Kröten prahlt.

Refrain

In Erwägung letzter Zigaretten
Und des losen End’s der Diskussion
Haben wir beschlossen,
Zügig auszutrinken.
Keine Sorge, werter Wirt, wir gehen schon!

Original: „Resolution der Kommunarden“ (Melodie: Hanns Eisler / Text: Bertold Brecht)

Zwei Piratenlimericks

26. Dezember 2013 ( und )

Im Rahmen eines kleines Limerick-Wettstreits zwischen den Autoren dieses Blogs entstanden spontan die beiden folgenden Limericks. Vorgegeben waren die Reime Barkasse/Karkasse und Braten/Piraten.

Der Smutje von Morgan’s Barkasse
verwertete eine Karkasse
vom Huhn, das Piraten
verzehrten als Braten,
als leckdichtungstaugliche Masse.

Vor Tortuga auf einer Barkasse,
da aßen zwölf Männer von Klasse
’nen prächtigen Braten.
Es waren Piraten –
zurück blieb nur die Karkasse.

Das bisschen Dichtheit

14. Dezember 2013 ()

Wer Verse und Gereimtes schreibt,
Ist oft in Wahrheit Egoist.
Denn das, was ihn zum Dichten treibt,
Ist – wenn denn auch kein Mist –
So doch ein Fluchtversuch aus dem,
Was sich alltäglich‘ Leben nennt.
Und Dichten ist fürwahr bequem!
Ein Phänomen, das jeder kennt:
Wenn Abwasch oder Hausputz droht,
Dann muss der Dichter dichten.
Denn all das Chaos und die Not,
Wird sich von selbst schon lichten.

Kottbusser Damm

3. November 2012 ( und )

Ich steige aus am Herrmannplatz
da ist ein Polizeieinsatz
Ein leichter Hauch von Haschischduft liegt in der Luft.
Die Urbanstraße überquert,
bei rot wär es total verkehrt
und dort beginnt der Kreuzberger Kiezboulevard

Oh, Kottbusser Damm
Oh, Kottbusser Damm
Gemüse, Obst und Dönermann
die Resterampe nebenan
Spielothek und Handyshop
am Kottbusser Damm

In zweiter Reihe wird geparkt
Am Zickenplatz ist Biomarkt
denn dort beginnt der Graefekiez
da lebt man gesund
Die Ankerklause am Kanal
ist sowas wie ein Kultlokal
Touristen trinken Milchkaffee und Mate-Tee

Oh, Kottbusser Damm
Oh, Kottbusser Damm
Gemüse, Obst und Dönermann
die Resterampe nebenan
Spielothek und Handyshop
am Kottbusser Damm

Zwei Punks verkosten Dosenbier
Die Spätis haben auf bis vier
Die Nacht ist lang in Kreuzberg und noch mehr in Neukölln
Ein hornbebrillter Hipster schwankt
er hat schon ziemlich viel getankt
in einer neuen Cocktailbar
wo er gerade war

Oh, Kottbusser Damm
Oh, Kottbusser Damm
Gemüse, Obst und Dönermann
die Resterampe nebenan
Spielothek und Handyshop
am Kottbusser Damm

Melodie: „Les Champs-Elysées“/Joe Dassin

„Kottbusser Damm“ im Chordpro-Format

Winterswijk

22. Mai 2010 ( und )

(1)
Seit Tagen sitz ich am Computer
und ich schau bei Youtube zu
In der Hand die Ukulele
doch ich finde keine Ruh!
Diese eine Liebe wird nie zuende geh’n!
Wann werd ich es wiedersehen?

(2)
Manchmal schließe ich die Augen,
stell‘ mir vor ich sitz vorm Zelt
Denk an meine Blümchenwiese
wo es mir so gut gefällt!
Diese eine Liebe wird nie zuende geh’n!
Wann werd ich es wiedersehen?

(Ref)
Ohhh ich hab‘ solche Sehnsucht,
ich tret hier gleich in den Streik!
Ich will zurück zu meinen Freunden
ich will zurück nach Winterswijk!

(3)
Wie oft stand ich schon am Südstern,
wie oft vor dem Leleland?
Wie oft trank ich aus Verzweiflung,
Zuviel Bier mit Dosenpfand?
Diese eine Liebe wird nie zuende geh’n!
Wann werd ich es wiedersehen?

(Ref)
Ohhh ich hab‘ solche Sehnsucht,
ich verliere den Verstand!
Ich will in die Niederlande
ich will zurück nach Gelderland!

(Break)
Es ist zwar etwas kälter,
dafuer ist man unter sich.
Ich weiss genau ein jeder hier
liebt Ukulelen so wie ich.

(Ref)
Ohhh ich hab‘ solche Sehnsucht,
Ich spring gleich vom U-Bahnsteig
Ich will wieder Richtung Westen
ich will zurück, ich will zurück,
ich will zurück, ich will zurück,
nach Winterswijk!

Melodie: Farin Urlaub („Westerland“/Die Ärzte)

Das Lied von Schrödingers Katze

20. April 2009 ( und )

Und die Leute fragen „Lebt die Katze noch?“
Schrödinger wird sagen „Ja, sie lebet doch.“
Sie lebt in einer Kiste,
drin wartet ein Atom
darauf, dass es zerfalle,
doch wann – wer weiß das schon?

Und die Leute fragen „Schaut denn keiner nach?“
Schrödinger wird sagen „Dann droht Ungemach.
Solang die Kiste zubleibt,
da wissen wir genau,
die Katz ist tot und lebend,
sagt selbst, ist das nicht schlau?“

Melodie: Hecker-Lied (volkstümlich)

Des Wachtmeisters mißrat’nes Töchterlein

26. März 2009 ( und )

Im schönen Kreuzberg steht seit vielen Jahren
auf einem Berg ein olles Monument
an dessen Fuß mit ungewaschnen Haaren
auf einer Bank ein alter Säufer pennt.

Die Punker sitzen auf der Wiese
am Lagerfeuer mit nem Bier.
Die Polizei kriegt eine Krise
sie waren heut‘ schon viermal hier.

Am Wiesenrand im Feuerscheine
steht eine liebliche Gestalt
Sie hält nen Pitbullmischling an der Leine
sie fasst ihn sicher und sie gibt ihm Halt.

Das ist des Wachtmeisters mißrat’nes Töchterlein
das gießt sich Wodka ein mit sanftem Schwung.
Und mancher Flaschensammler hält mit Sammeln ein,
schüttelt den Kopf; sie ist ja noch so jung!

Mit bunten Haaren saß im grünen Grase
ein wohlgestalter junger Punk.
Der hat‘ nen Ring an Ohren, Mund und Nase,
was immer schepperte, wenn er was trank.

Er traf sich öfters hier mit den Kollegen,
mit denen er die Revolution besprach.
Der einz’ge Konsens war: „Wir sind dagegen!“
Das ging ihm auf den Geist so nach und nach.

Doch eines Abends – er aß grade Köfte –
ward er der Göre mit dem Hund gewahr.
Am Baum beim Pinkeln war der Hund und kleffte,
am selben Ort, wo er sonst pullern war.

Ja ja, des Wachtmeisters mißrat’nes Töchterlein
stand bei dem Busch allein zur Dämmerung.
Der junge Punk verliebte sich von Kopf bis Fuß
in jene Frau, denn sie war hübsch und jung!

Und als er merkte, daß er sie begehrte,
ging er zum Baum zur Hundehalterin.
Er tat zunächst, als ob sie ihn nicht scherte,
und stellte sich zu ihrem Pitbull hin.

So standen Mensch und Hund zu zweit beisammen,
markierten beide ihr Revier.
Doch weil sich Menschen sonst nicht so benahmen,
biß in des Punkers Bein das edle Tier.

Das sah das Mädchen an mit starrem Blicke
und schallt die Töle einen dummen Hund
sie riß ihr Hemdchen rasch in kleine Stücke
verband das Bein damit dem jungen Spund

Na und des Wachtmeisters mißrat’nes Töchterlein
entbrannte auch sofort in Zuneigung.
sie hauchte einen Kuß auf seinen Mund
und sprach zu ihm: „Was biste schön und jung“

Des Mädels Vater saß in seiner Wanne,
durchfuhr den Park als er die beiden fand.
Er sprach zu ihr: „Na hör mal, liebe Anne,
was ich hier sehe ist ja allerhand“

Zum Punk sprach er: „Du mußt jetzt leiden“
und schnitt ihm rasch den Iro ab.
In Handschell’n legte er die beiden
und führte prompt das junge Pärchen ab.

Doch einen Monat später merkt das Mädchen,
das nie zuvor nach sauren Gurken frug,
und ließ es sich von einem Arzt bestät’gen,
daß sie ’nen Jüngling unterm Herzen trug.

Ach ja, des Wachtmeisters mißrat’nes Töchterlein
das hatte nicht bedacht des Schicksals Lauf.
Doch jener Punker ja der liebte sie so sehr,
da nahmen sie das Schicksal halt in Kauf.

Ums Monument schiebt jetzt den Kinderwagen
ein bürgerlich geword’ner Punk.
Jedoch am Wegesrand seit Jahr und Tagen
liegt immer noch der Säufer auf der Bank.

Melodie: „Des Schleusenwärters blindes Töchterlein“ (Ulrich Roski)

Das Lied vom Fahrrad

22. November 2008 ( und )

Fahrrad, Fahrrad ohne alles,
ohne Klingel, ohne Licht.
Ich hoff‘ stets, dass Speich‘ und Felge
heute nicht zusammenbricht.
Von dem Schlauch bis hin zur Kette
alles nicht mehr heil und dicht.
Fahrrad, Fahrrad ohne alles
ohne Klingel, ohne Licht.

Wenig Luft, defekte Bremsen
und ’ne Acht im Vorderrad
werden mich noch lang begleiten.
Wohl dem, der ’ne Werkstatt hat,
die mit Tatkraft und Begeist’rung
austauscht auch ein Kettenblatt,
repariert defekte Bremsen
und die Acht im Vorderrad.

Sicherheit auch in der Freizeit
für mein olles Mountainbike,
ohne Angst vor einem Unfall
immer wenn ich es besteig.
Sicherheit auch in der Freizeit,
tritt bloß jetzt nicht in den Streik!
Roll‘ im Dunklen, roll im Lichte,
rolle, olles Mountainbike.

Urbane Chirurgie

20. Oktober 2008 ()

Eine wahre Geschichte

„Ziehen Sie sich schnell aus und beeilen Sie sich!“, rief mir die Nachtschwester fröhlich zu. „Nicht daß hier gleich der nächste Notfall kommt und Sie wieder warten müssen.“

Es war 23:48 Uhr und ich war mal wieder eingeschlafen. Ich zog meinen Ehering vom Finger und legte ihn in die Nachttischschublade. Rasch entledigte ich mich meiner restlichen Kleidung. Wie lange hatte ich diesen Moment herbeigesehnt! Das lange Warten hatte also doch einen Sinn. Immerhin hatte ich seit knapp 22 Stunden auf die primitivsten menschlichen Bedürfnisse verzichtet. Doch nun sollten sich meine Entbehrungen lohnen. Mit einem tiefen Seufzer ließ ich mich wieder ins Bett sinken und harrte der Dinge, die mich erwarteten. Die Schwester kam zu mir ans Bett, löste die Bremsen und schob mich in den OP-Saal des Urban-Krankenhauses, der jetzt endlich frei geworden war. Die Entfernung des Metalls, das man mir hier ein Jahr zuvor ins linke Sprunggelenk geschraubt hatte, konnte beginnen.

Wenn man im Urban-Krankenhaus behandelt werden möchte, bringt man außer seiner Krankenversichertenkarte, seiner Zahnbürste und einem eigenen Waschlappen vor allem am besten eines mit: Zeit. All diese Dinge hatte ich dabei, als ich mich um acht Uhr morgens auf Station 53 einfand. Seit zwei Uhr nachts hatte ich entsprechend den Anweisungen der Ärzte nichts getrunken, nichts gegessen und nicht geraucht. Ich war mir unglaublich schlau dabei vorgekommen, bei der Terminvereinbarung darauf zu bestehen, nicht schon eine Stunde früher erscheinen zu müssen, wie es normalerweise üblich ist. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß der sieben-Uhr-Termin eine reine Schikanemaßnahme ist, deren einziger Sinn darin besteht, die Patienten beizeiten gefügig zu machen: Um sieben Uhr werden die Patienten auf der Station geweckt und gegebenenfalls gewaschen. Danach muß das Frühstück verteilt werden. Irgendwann dazwischen ist Schichtwechsel. Niemand kann ernsthaft erwarten, daß das Personal nebenbei noch Zeit hat, einen neuen Patienten aufzunehmen, zumal einen, der gesund genug ist, um zum Warten in den Aufenthaltsraum abgeschoben zu werden.

Der Aufenthaltsraum, der eigentlich für bereits internierte Patienten gedacht ist und nicht für solche, die es erst werden wollen, verfügt über zwei Fenster und eine Tür. Durch die Fenster kann der wartende Patient das Unterhaltungsprogramm genießen – heute wird auf dem Flachdach des Anbaus ein Spektakel mit zwei Hilfsarbeitern gegeben, die mit mannshohen Gasflaschen und Bitumen hantieren. Die Tür wiederum ist stets geschlossen zu halten und dient dazu, das hart arbeitende Personal vor quengelnden Patienten-Aspiranten zu schützen. Jetzt geht sie auf, und eine Krankenschwester kommt herein und nennt meinen Namen. Ich bin entzückt. Sollte es wirklich so schnell gehen? Mitnichten. Mir wird ein Fragebogen überreicht, der nicht so aussieht, als sollte er vom Patienten ausgefüllt werden. Auf der Vorderseite kann man Kontaktpersonen angeben, Vorerkrankungen ankreuzen und unterschreiben, daß man über den „hausinternen Umgang mit Wertsachen“ informiert wurde. Die Rückseite ist mit „subjektive Ersteinschätzung bei der Aufnahme“ überschrieben. Kurz überlege ich, ob ich ein Kreuz bei „nicht kooperativ“ und „aggressiv“ mache oder mich als „kachektisch“ kategorisiere – immerhin hatte ich noch kein Frühstück. Doch dann lasse ich die Rückseite einfach unausgefüllt und lege den Zettel auf den Tisch, wo er noch einige Stunden so liegenbleiben wird.

Einer der Männer vom Flachdach läuft mit einer Farbrolle in der Hand orientierungslos hin und her. Am einen Ende steht ein Eimer mit schwarzer Pampe, am anderen warten diverse Dachaufbauten darauf, damit bestrichen zu werden. Auf die Idee, den Eimer näher an den Einsatzort zu verlagern, kommt er nicht. Der Kollege ist verschwunden. Frühstückspause, vom Dach gefallen, was weiß ich. Sein kollegialer Rat würde hier jedenfalls dringend gebraucht. Später ist er wieder da, sein Wiederauftauchen aber verpasse ich, denn die Tür öffnet sich erneut und ein großer Karton mit der Aufschrift „Grundig“ wird geliefert, offenbar ein Austausch für den nicht in Betrieb befindlichen, also vermutlich defekten Fernseher, der dieses Zimmer als Aufenthaltsraum qualifiziert. Der neue Röhrenfernseher – keine Ahnung, wo man sowas heutzutage noch kaufen kann – bleibt aber noch einige Zeit verpackt, er ist es jedenfalls noch, als eine Gruppe von Ärzten – offenbar als Auftakt zur Morgenvisite – hereinkommt, den Karton bestaunt und wieder geht. Später kommen zwei Herren in Blaumännern, stellen das neue Gerät auf und starten den Sendersuchlauf. Eine Krankenschwester kommt herein und will die Fernbedienung konfiszieren, „weil die ja sonst wegkommt, ist ja immer so.“ Ich erkläre ihr, daß ich die Fernbedienung solange als Pfand behalte, bis ich an der Reihe bin. Völlig überrumpelt willigt sie ein, und in der Tat, die Drohung wirkt, und keine Stunde später bekomme ich als einer der ersten Wartenden ein Zimmer zugewiesen, sogar ein Zweibettzimmer, und direkt neben dem Schwesternzimmer ist es auch. Den Fehler macht die so schnell nicht wieder, denke ich, Nerv-Patienten wie mich will man eigentlich nicht in Rufweite haben.

Mein Bettnachbar, der zweite Glückliche aus dem Warteraum, ist zum gleichen Zweck wie ich in diesen heiligen Hallen, nur daß seine Schrauben im Ellenbogen sind und nicht im Fuß. Wenn die uns verwechseln, werden die sich schön wundern, denke ich. Da er wie ich bis zur OP nüchtern bleiben muß, bleibt es mir erspart, ihm neiderfüllt beim Mittagessen zusehen zu müssen. Obwohl, wie mir klar wird, die Mittagessenszeit auch schon längst vorbei ist. Mein Leidensgenosse leidet noch etwas mehr als ich. Nicht nur, daß er seine Zeit bereits seit sieben Uhr morgens hier vertrödelt, er verpaßt auch gerade die Beerdigung eines Freundes, der seinen Tod leider nicht rechtzeitig angekündigt hatte. Als er gegen 14:30 Uhr endlich zum OP-Saal gerollt wird, ist man da draußen bereits beim Leichenschmaus.

Das Zimmer, das ich jetzt alleine bewohne, verfügt ebenfalls über ein Fenster mit Blick auf das Flachdach. Langsam wird es dort gefährlich, denn die beiden Spezialisten laufen jetzt mit Gasbrennern in der Hand über die frisch ausgerollte Dachpappe, immer bedacht darauf, möglichst dekorative Knoten und Schleifen in die Gummischläuche zu schlingen. Ab und zu wird der Gasbrenner auch mal irgendwo hingelegt, natürlich ohne die Flamme zu löschen. Ich kann nicht mehr hinsehen und hoffe für meinen Bettnachbarn, daß das Nebengebäude nicht, wie mir meine beschränkten Kenntnisse der Urban-Topographie einreden wollen, den OP-Saal beherbergt.

Die Zeit verrinnt im Schneckentempo. Ich versuche es mit Lesen, aber schlafe ein. Ich versuche es mit Schlafen, aber bin zu genervt, um ruhig liegen zu bleiben. Irgendwann kommt mein Bettnachbar wieder und zeigt mir seine Schrauben. Anders als erhofft bin ich nicht als nächstes dran. Mein Nachbar bekommt sein Abendessen gebracht und hat gar keinen rechten Hunger. Ich muß weiterhin nüchtern bleiben. Die Krankenschwester sagt, im OP läge gerade ein offener Bauch. Vor 22 Uhr würde ich auf keinen Fall operiert.

Dann kommt mich meine Frau besuchen, obwohl ich nach wie vor völlig gesund bin, wenn auch vielleicht mittlerweile etwas dehydriert. Da noch mindestens gut vier Stunden Zeit sind, machen wir einen Spaziergang um den Urbanhafen. Ich sehe ihr beim Rauchen zu, und sie schlägt vor, ich könne doch über eine Baumwurzel stolpern und mir das andere Sprunggelenk zertrümmern. Dann käme ich als Notfall vielleicht schneller dran, und das Altmetall vom einen Fuß könnte im anderen recyclet werden. Ich schicke sie zu unserem Stammtisch, der für mich heute ausfällt, obwohl ich eigentlich Zeit hätte. Ihr Humor ist dort auch gerade besser aufgehoben.

Mein Bettnachbar und ich sehen Unterschichtenfernsehen und unterhalten uns über den Niedergang von MTV. Im Fernsehen badet ein Ex-Navy Seal mit Temperatursonde in der Nasennebenhöhle in Eiswasser, und mir ging es auch schon mal besser. Ich will was trinken oder was essen oder rauchen oder am besten alles zusammen. Als die Nachtschwester kommt und fragt, ob wir noch einen Wunsch haben, bestellt sich mein Nachbar Mineralwasser und ich frage nach einem Fläschchen NaCl i.v. „Haben sie denn einen Zugang?“ – „Nein“ – „Dann kann ich Ihnen leider auch nicht helfen, den kann nur ein Arzt legen.“ Ärzte sind natürlich keine da, die sind alle im OP beim offenen Bauch. Ich hätte den Anästhesisten, der mir vorhin auf dem Gang ungefragt mitteilte, warum das präoperative Nüchternheitsgebot so schrecklich wichtig ist, bitten sollen, mir eine Braunüle in die Vene zu stechen, dann könnte ich mich jetzt an Kochsalzlösung laben.

Als es um kurz vor Mitternacht soweit ist, darf ich dann doch einen winzigen Schluck Wasser trinken, um eine Tablette zu nehmen, die auf den Namen „Dormicum“ hört, und deren Zweck normalerweise darin besteht, den Patienten die Minuten vor der eigentlichen Narkose vergessen zu lassen. Normalerweise wird dieses Mittelchen allerdings auch nicht fünf Minuten sondern eine halbe Stunde vor der OP verabreicht, so daß die Anästhesisten, die mir schließlich auch die eigentliche Narkose zuteil werden lassen, nichtsahnend munter Interna ausplaudern. Ja, sagt der eine und grinst, eine gewisse retrograde Amnesiewirkung, das könne schon sein. Ich betrachte die Decke des Vorraums. Dort gibt es zwei riesige kreisförmige Lüftungsöffnungen, deren Luftschlitze ähnlich einem Ziffernblatt angeordnet sind. Die Erinnerungen an meine letzte Vollnarkose endeten genau hier. Das völlig starre Lüftungsgitter fängt an sich zu drehen, und das war’s. Doch diesmal widerstehe ich der Versuchung, mich in den Strudel fallenzulassen, und konzentriere mich lieber auf meine Gesprächspartner. Der eine ist etwas besorgt, weil er in den Unterlagen keinen Hinweis auf das vorgeschriebene Aufklärungsgespräch mit einem Anästhesisten findet. Ich erspare mir den Kommentar, daß es dafür jetzt wohl auch etwas zu spät ist. Aus dem OP-Raum ertönt das charakteristische Geräusch eines startenden Windows-Rechners, und der andere, der mit seinem Kopftuch aussieht wie ein Pirat, erklärt mir, das sei der OP-Rechner. „Das ist so ein 386er, der stürzt auch ständig ab, ganz schön nervig“, sagt er, und ich hoffe, daß dieses Gerät nicht die Überwachung oder Sicherstellung der Vitalfunktionen verantwortet. Nebenan unterhält man sich darüber, wie man das Datum im Programm einen Tag vorstellt, es war ja gerade Mitternacht. Offenbar dient der PC doch nur zum Mitschreiben, das läßt hoffen. Ich werde in den OP-Saal geschoben, bekomme die Spritze mit dem Narkotikum, verabschiede mich freundlich von den Anwesenden und bin weg.

Als ich wieder aufwache, liegen meine materiellen inneren Werte neben mir, abgepackt in ein kleines Plastiktütchen. Zwei Nägel, etwas Draht, eine Lochschiene und zwölf Schrauben, drei davon sogar mit Unterlegscheibe, und alles aus Titan. Eigentlich ist es weniger, vor allem kleiner als ich dachte, aber angesichts der Finanzkrise sollte man für jedes Gramm Edelmetall dankbar sein. Wahrscheinlich ist das mal viel wert, denke ich, und sei es, daß die Krankenkasse beim nächsten Unfall auf eine Materialzuzahlung besteht oder nur noch Alubleche zur Regelversorgung gehören. Dann bringe ich einfach meinen eigenen kleinen Titan-Stabilbaukasten mit, ha!

Um 6:30 Uhr lasse ich mir mein nachträgliches Abendbrot bringen, Bierschinken auf Graubrot, dazu Pfefferminztee. Wehmütig denke ich an meine gestrige Fastenphase zurück. Anderthalb Stunden später kommt schon das Frühstück, das um einiges erträglicher aussieht. Hier gilt es allerdings, die Aufgabe zu lösen, den Inhalt eines winzigen Päckchens Butter auf vier Brötchenhälften zu verteilen, denn alternativ stünde nur noch glutenfreie Halbfettmargarine zur Verfügung, und so tief zu sinken, will ich auf jeden Fall vermeiden. Jetzt, da meine Sinne geschärft sind, fällt mir auf, daß es – gegenüber meinem letzten Besuch hier – neue Tabletts gibt. Die alten waren die Kunststoffvariante von Gefängnistabletts mit Plastik-Doppelwand-Thermo-Deckeln. Die neuen haben nur noch über dem eigentlichen Teller eine Art Plastikkäseglocke, die vermutlich nicht warmhält und zu allem Überfluß auch noch durchsichtig ist, so daß man sein Essen bei Nichtgefallen nicht mal adäquat dem eigenen Blick entziehen kann. Das Beste an diesen Tabletts aber ist ihr Rand: Er ist jeweils an den Längsseiten in der Mitte für etwa acht Zentimeter unterbrochen. Sollte also der Parkinson-Patient seinen Kaffee verschütten, dann läuft der ihm genau in den Schritt, da gewöhnt der sich das sicher schnell ab, Erziehen durch Strafen, kennt man ja.

Noch bevor ich weiß, ob ich eigentlich wieder laufen kann, kommt eine Ärztin zur Morgenvisite und bietet mir an, heute schon nach Hause zu gehen. Nachdem ich verifziert habe, daß ich zumindest nicht umkippe, wenn ich die Füße auf den Boden setze, willige ich, wenn auch mit schmerzverzerrtem Gesicht, erfreut ein. Die Chance, das weiß ich, kommt so schnell nicht wieder. Heute ist Freitag, und wenn ich jetzt nicht freiwillig gehe, komme ich hier vor Montag nicht raus, denn warum sollte einer der überlasteten Ärzte ausgerechnet am Wochenende Zeit finden, meine Entlassungspapiere zu schreiben? Auch so dauert es noch etwa sechs Stunden, bis alles soweit ist, so daß mir auch noch das Mittagessen – laut beiligendem Zettel handelt es sich um „Schw.Steak“ mit „I.Brat.soß“, Broccoli und „Peters.kar“ – zuteil wird.

16 Uhr. Auf Krücken humpele ich neben meiner Frau her zum Auto. Der Ehering ist wieder am Finger, und meine Nachtschwester habe ich nicht mehr wiedergesehen. Angeblich habe ich direkt nach der OP bei der Rückkehr auf die Station hanebüchenen Blödsinn geredet, das hat sie zumindest meiner Frau erzählt. So ein Quatsch, meine Worte sind stets wohldurchdacht. Außerdem führt Dehydrierung zur Exsikkose, zu deren Symptomen unter anderem Verwirrtheit gehört. Hätte diese nymphomane Pflegefachkraft in ihrer Ausbildung besser aufgepaßt, dann hätte sie das ja eigentlich mal wissen können.

Neumond

27. November 2007 ( und )

Der Mond ist ausgegangen,
die gold’nen Sternlein bangen:
Er bleibt nur selten klar.
Der Wirt steht da und schweiget,
des Mondes Pegel steiget.
Er sitzt benebelt in der Bar.

Mit über vier Promille
ist er schon völlig knülle,
der alte Trunkenbold.
Der schlimme Katzenjammer
Tags drauf in seiner Kammer,
der ist von ihm wohl so gewollt.

Der Mond kann kaum noch stehen
doch dafür doppelt sehen,
es ist schon nicht mehr schön.
Er macht so manche Sachen,
die wir zu recht verlachen,
teils amüsant, teils fast obszön.

Er rollt nichtsdestominder
nach Haus‘ als Temposünder;
der Letzte war zuviel.
Wenn er nur nicht so grinste,
man riecht Tequiladünste,
und trotzdem kommt er heil ans Ziel.

Sie könnten ihn verhauen,
den Neuen Mond, den blauen,
die armen Sternelein.
Wie jedes Mal am Ersten
füllt er sich bis zum Bersten
mit Bier, Schnaps, Cocktails und mit Wein.

Doch sollt ihr euch nicht grämen
und nicht so ernst ihn nehmen
an seinem freien Tag.
Er wird – genaugenommen –
trotzdem zur Arbeit kommen.
Er hat ja schließlich ’nen Vertrag.

Zwar wirkt er etwas müder,
doch leuchtet er schon wieder,
wenn auch mit schmalem Bauch.
Verschont ihn drum mit Strafen,
er hat nicht ausgeschlafen,
und einen Kater hat er auch.