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Urbane Chirurgie

Montag, 20. Oktober 2008

Eine wahre Geschichte

„Ziehen Sie sich schnell aus und beeilen Sie sich!“, rief mir die Nachtschwester fröhlich zu. „Nicht daß hier gleich der nächste Notfall kommt und Sie wieder warten müssen.“

Es war 23:48 Uhr und ich war mal wieder eingeschlafen. Ich zog meinen Ehering vom Finger und legte ihn in die Nachttischschublade. Rasch entledigte ich mich meiner restlichen Kleidung. Wie lange hatte ich diesen Moment herbeigesehnt! Das lange Warten hatte also doch einen Sinn. Immerhin hatte ich seit knapp 22 Stunden auf die primitivsten menschlichen Bedürfnisse verzichtet. Doch nun sollten sich meine Entbehrungen lohnen. Mit einem tiefen Seufzer ließ ich mich wieder ins Bett sinken und harrte der Dinge, die mich erwarteten. Die Schwester kam zu mir ans Bett, löste die Bremsen und schob mich in den OP-Saal des Urban-Krankenhauses, der jetzt endlich frei geworden war. Die Entfernung des Metalls, das man mir hier ein Jahr zuvor ins linke Sprunggelenk geschraubt hatte, konnte beginnen.

Wenn man im Urban-Krankenhaus behandelt werden möchte, bringt man außer seiner Krankenversichertenkarte, seiner Zahnbürste und einem eigenen Waschlappen vor allem am besten eines mit: Zeit. All diese Dinge hatte ich dabei, als ich mich um acht Uhr morgens auf Station 53 einfand. Seit zwei Uhr nachts hatte ich entsprechend den Anweisungen der Ärzte nichts getrunken, nichts gegessen und nicht geraucht. Ich war mir unglaublich schlau dabei vorgekommen, bei der Terminvereinbarung darauf zu bestehen, nicht schon eine Stunde früher erscheinen zu müssen, wie es normalerweise üblich ist. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß der sieben-Uhr-Termin eine reine Schikanemaßnahme ist, deren einziger Sinn darin besteht, die Patienten beizeiten gefügig zu machen: Um sieben Uhr werden die Patienten auf der Station geweckt und gegebenenfalls gewaschen. Danach muß das Frühstück verteilt werden. Irgendwann dazwischen ist Schichtwechsel. Niemand kann ernsthaft erwarten, daß das Personal nebenbei noch Zeit hat, einen neuen Patienten aufzunehmen, zumal einen, der gesund genug ist, um zum Warten in den Aufenthaltsraum abgeschoben zu werden.

Der Aufenthaltsraum, der eigentlich für bereits internierte Patienten gedacht ist und nicht für solche, die es erst werden wollen, verfügt über zwei Fenster und eine Tür. Durch die Fenster kann der wartende Patient das Unterhaltungsprogramm genießen – heute wird auf dem Flachdach des Anbaus ein Spektakel mit zwei Hilfsarbeitern gegeben, die mit mannshohen Gasflaschen und Bitumen hantieren. Die Tür wiederum ist stets geschlossen zu halten und dient dazu, das hart arbeitende Personal vor quengelnden Patienten-Aspiranten zu schützen. Jetzt geht sie auf, und eine Krankenschwester kommt herein und nennt meinen Namen. Ich bin entzückt. Sollte es wirklich so schnell gehen? Mitnichten. Mir wird ein Fragebogen überreicht, der nicht so aussieht, als sollte er vom Patienten ausgefüllt werden. Auf der Vorderseite kann man Kontaktpersonen angeben, Vorerkrankungen ankreuzen und unterschreiben, daß man über den „hausinternen Umgang mit Wertsachen“ informiert wurde. Die Rückseite ist mit „subjektive Ersteinschätzung bei der Aufnahme“ überschrieben. Kurz überlege ich, ob ich ein Kreuz bei „nicht kooperativ“ und „aggressiv“ mache oder mich als „kachektisch“ kategorisiere – immerhin hatte ich noch kein Frühstück. Doch dann lasse ich die Rückseite einfach unausgefüllt und lege den Zettel auf den Tisch, wo er noch einige Stunden so liegenbleiben wird.

Einer der Männer vom Flachdach läuft mit einer Farbrolle in der Hand orientierungslos hin und her. Am einen Ende steht ein Eimer mit schwarzer Pampe, am anderen warten diverse Dachaufbauten darauf, damit bestrichen zu werden. Auf die Idee, den Eimer näher an den Einsatzort zu verlagern, kommt er nicht. Der Kollege ist verschwunden. Frühstückspause, vom Dach gefallen, was weiß ich. Sein kollegialer Rat würde hier jedenfalls dringend gebraucht. Später ist er wieder da, sein Wiederauftauchen aber verpasse ich, denn die Tür öffnet sich erneut und ein großer Karton mit der Aufschrift „Grundig“ wird geliefert, offenbar ein Austausch für den nicht in Betrieb befindlichen, also vermutlich defekten Fernseher, der dieses Zimmer als Aufenthaltsraum qualifiziert. Der neue Röhrenfernseher – keine Ahnung, wo man sowas heutzutage noch kaufen kann – bleibt aber noch einige Zeit verpackt, er ist es jedenfalls noch, als eine Gruppe von Ärzten – offenbar als Auftakt zur Morgenvisite – hereinkommt, den Karton bestaunt und wieder geht. Später kommen zwei Herren in Blaumännern, stellen das neue Gerät auf und starten den Sendersuchlauf. Eine Krankenschwester kommt herein und will die Fernbedienung konfiszieren, „weil die ja sonst wegkommt, ist ja immer so.“ Ich erkläre ihr, daß ich die Fernbedienung solange als Pfand behalte, bis ich an der Reihe bin. Völlig überrumpelt willigt sie ein, und in der Tat, die Drohung wirkt, und keine Stunde später bekomme ich als einer der ersten Wartenden ein Zimmer zugewiesen, sogar ein Zweibettzimmer, und direkt neben dem Schwesternzimmer ist es auch. Den Fehler macht die so schnell nicht wieder, denke ich, Nerv-Patienten wie mich will man eigentlich nicht in Rufweite haben.

Mein Bettnachbar, der zweite Glückliche aus dem Warteraum, ist zum gleichen Zweck wie ich in diesen heiligen Hallen, nur daß seine Schrauben im Ellenbogen sind und nicht im Fuß. Wenn die uns verwechseln, werden die sich schön wundern, denke ich. Da er wie ich bis zur OP nüchtern bleiben muß, bleibt es mir erspart, ihm neiderfüllt beim Mittagessen zusehen zu müssen. Obwohl, wie mir klar wird, die Mittagessenszeit auch schon längst vorbei ist. Mein Leidensgenosse leidet noch etwas mehr als ich. Nicht nur, daß er seine Zeit bereits seit sieben Uhr morgens hier vertrödelt, er verpaßt auch gerade die Beerdigung eines Freundes, der seinen Tod leider nicht rechtzeitig angekündigt hatte. Als er gegen 14:30 Uhr endlich zum OP-Saal gerollt wird, ist man da draußen bereits beim Leichenschmaus.

Das Zimmer, das ich jetzt alleine bewohne, verfügt ebenfalls über ein Fenster mit Blick auf das Flachdach. Langsam wird es dort gefährlich, denn die beiden Spezialisten laufen jetzt mit Gasbrennern in der Hand über die frisch ausgerollte Dachpappe, immer bedacht darauf, möglichst dekorative Knoten und Schleifen in die Gummischläuche zu schlingen. Ab und zu wird der Gasbrenner auch mal irgendwo hingelegt, natürlich ohne die Flamme zu löschen. Ich kann nicht mehr hinsehen und hoffe für meinen Bettnachbarn, daß das Nebengebäude nicht, wie mir meine beschränkten Kenntnisse der Urban-Topographie einreden wollen, den OP-Saal beherbergt.

Die Zeit verrinnt im Schneckentempo. Ich versuche es mit Lesen, aber schlafe ein. Ich versuche es mit Schlafen, aber bin zu genervt, um ruhig liegen zu bleiben. Irgendwann kommt mein Bettnachbar wieder und zeigt mir seine Schrauben. Anders als erhofft bin ich nicht als nächstes dran. Mein Nachbar bekommt sein Abendessen gebracht und hat gar keinen rechten Hunger. Ich muß weiterhin nüchtern bleiben. Die Krankenschwester sagt, im OP läge gerade ein offener Bauch. Vor 22 Uhr würde ich auf keinen Fall operiert.

Dann kommt mich meine Frau besuchen, obwohl ich nach wie vor völlig gesund bin, wenn auch vielleicht mittlerweile etwas dehydriert. Da noch mindestens gut vier Stunden Zeit sind, machen wir einen Spaziergang um den Urbanhafen. Ich sehe ihr beim Rauchen zu, und sie schlägt vor, ich könne doch über eine Baumwurzel stolpern und mir das andere Sprunggelenk zertrümmern. Dann käme ich als Notfall vielleicht schneller dran, und das Altmetall vom einen Fuß könnte im anderen recyclet werden. Ich schicke sie zu unserem Stammtisch, der für mich heute ausfällt, obwohl ich eigentlich Zeit hätte. Ihr Humor ist dort auch gerade besser aufgehoben.

Mein Bettnachbar und ich sehen Unterschichtenfernsehen und unterhalten uns über den Niedergang von MTV. Im Fernsehen badet ein Ex-Navy Seal mit Temperatursonde in der Nasennebenhöhle in Eiswasser, und mir ging es auch schon mal besser. Ich will was trinken oder was essen oder rauchen oder am besten alles zusammen. Als die Nachtschwester kommt und fragt, ob wir noch einen Wunsch haben, bestellt sich mein Nachbar Mineralwasser und ich frage nach einem Fläschchen NaCl i.v. „Haben sie denn einen Zugang?“ – „Nein“ – „Dann kann ich Ihnen leider auch nicht helfen, den kann nur ein Arzt legen.“ Ärzte sind natürlich keine da, die sind alle im OP beim offenen Bauch. Ich hätte den Anästhesisten, der mir vorhin auf dem Gang ungefragt mitteilte, warum das präoperative Nüchternheitsgebot so schrecklich wichtig ist, bitten sollen, mir eine Braunüle in die Vene zu stechen, dann könnte ich mich jetzt an Kochsalzlösung laben.

Als es um kurz vor Mitternacht soweit ist, darf ich dann doch einen winzigen Schluck Wasser trinken, um eine Tablette zu nehmen, die auf den Namen „Dormicum“ hört, und deren Zweck normalerweise darin besteht, den Patienten die Minuten vor der eigentlichen Narkose vergessen zu lassen. Normalerweise wird dieses Mittelchen allerdings auch nicht fünf Minuten sondern eine halbe Stunde vor der OP verabreicht, so daß die Anästhesisten, die mir schließlich auch die eigentliche Narkose zuteil werden lassen, nichtsahnend munter Interna ausplaudern. Ja, sagt der eine und grinst, eine gewisse retrograde Amnesiewirkung, das könne schon sein. Ich betrachte die Decke des Vorraums. Dort gibt es zwei riesige kreisförmige Lüftungsöffnungen, deren Luftschlitze ähnlich einem Ziffernblatt angeordnet sind. Die Erinnerungen an meine letzte Vollnarkose endeten genau hier. Das völlig starre Lüftungsgitter fängt an sich zu drehen, und das war’s. Doch diesmal widerstehe ich der Versuchung, mich in den Strudel fallenzulassen, und konzentriere mich lieber auf meine Gesprächspartner. Der eine ist etwas besorgt, weil er in den Unterlagen keinen Hinweis auf das vorgeschriebene Aufklärungsgespräch mit einem Anästhesisten findet. Ich erspare mir den Kommentar, daß es dafür jetzt wohl auch etwas zu spät ist. Aus dem OP-Raum ertönt das charakteristische Geräusch eines startenden Windows-Rechners, und der andere, der mit seinem Kopftuch aussieht wie ein Pirat, erklärt mir, das sei der OP-Rechner. „Das ist so ein 386er, der stürzt auch ständig ab, ganz schön nervig“, sagt er, und ich hoffe, daß dieses Gerät nicht die Überwachung oder Sicherstellung der Vitalfunktionen verantwortet. Nebenan unterhält man sich darüber, wie man das Datum im Programm einen Tag vorstellt, es war ja gerade Mitternacht. Offenbar dient der PC doch nur zum Mitschreiben, das läßt hoffen. Ich werde in den OP-Saal geschoben, bekomme die Spritze mit dem Narkotikum, verabschiede mich freundlich von den Anwesenden und bin weg.

Als ich wieder aufwache, liegen meine materiellen inneren Werte neben mir, abgepackt in ein kleines Plastiktütchen. Zwei Nägel, etwas Draht, eine Lochschiene und zwölf Schrauben, drei davon sogar mit Unterlegscheibe, und alles aus Titan. Eigentlich ist es weniger, vor allem kleiner als ich dachte, aber angesichts der Finanzkrise sollte man für jedes Gramm Edelmetall dankbar sein. Wahrscheinlich ist das mal viel wert, denke ich, und sei es, daß die Krankenkasse beim nächsten Unfall auf eine Materialzuzahlung besteht oder nur noch Alubleche zur Regelversorgung gehören. Dann bringe ich einfach meinen eigenen kleinen Titan-Stabilbaukasten mit, ha!

Um 6:30 Uhr lasse ich mir mein nachträgliches Abendbrot bringen, Bierschinken auf Graubrot, dazu Pfefferminztee. Wehmütig denke ich an meine gestrige Fastenphase zurück. Anderthalb Stunden später kommt schon das Frühstück, das um einiges erträglicher aussieht. Hier gilt es allerdings, die Aufgabe zu lösen, den Inhalt eines winzigen Päckchens Butter auf vier Brötchenhälften zu verteilen, denn alternativ stünde nur noch glutenfreie Halbfettmargarine zur Verfügung, und so tief zu sinken, will ich auf jeden Fall vermeiden. Jetzt, da meine Sinne geschärft sind, fällt mir auf, daß es – gegenüber meinem letzten Besuch hier – neue Tabletts gibt. Die alten waren die Kunststoffvariante von Gefängnistabletts mit Plastik-Doppelwand-Thermo-Deckeln. Die neuen haben nur noch über dem eigentlichen Teller eine Art Plastikkäseglocke, die vermutlich nicht warmhält und zu allem Überfluß auch noch durchsichtig ist, so daß man sein Essen bei Nichtgefallen nicht mal adäquat dem eigenen Blick entziehen kann. Das Beste an diesen Tabletts aber ist ihr Rand: Er ist jeweils an den Längsseiten in der Mitte für etwa acht Zentimeter unterbrochen. Sollte also der Parkinson-Patient seinen Kaffee verschütten, dann läuft der ihm genau in den Schritt, da gewöhnt der sich das sicher schnell ab, Erziehen durch Strafen, kennt man ja.

Noch bevor ich weiß, ob ich eigentlich wieder laufen kann, kommt eine Ärztin zur Morgenvisite und bietet mir an, heute schon nach Hause zu gehen. Nachdem ich verifziert habe, daß ich zumindest nicht umkippe, wenn ich die Füße auf den Boden setze, willige ich, wenn auch mit schmerzverzerrtem Gesicht, erfreut ein. Die Chance, das weiß ich, kommt so schnell nicht wieder. Heute ist Freitag, und wenn ich jetzt nicht freiwillig gehe, komme ich hier vor Montag nicht raus, denn warum sollte einer der überlasteten Ärzte ausgerechnet am Wochenende Zeit finden, meine Entlassungspapiere zu schreiben? Auch so dauert es noch etwa sechs Stunden, bis alles soweit ist, so daß mir auch noch das Mittagessen – laut beiligendem Zettel handelt es sich um „Schw.Steak“ mit „I.Brat.soß“, Broccoli und „Peters.kar“ – zuteil wird.

16 Uhr. Auf Krücken humpele ich neben meiner Frau her zum Auto. Der Ehering ist wieder am Finger, und meine Nachtschwester habe ich nicht mehr wiedergesehen. Angeblich habe ich direkt nach der OP bei der Rückkehr auf die Station hanebüchenen Blödsinn geredet, das hat sie zumindest meiner Frau erzählt. So ein Quatsch, meine Worte sind stets wohldurchdacht. Außerdem führt Dehydrierung zur Exsikkose, zu deren Symptomen unter anderem Verwirrtheit gehört. Hätte diese nymphomane Pflegefachkraft in ihrer Ausbildung besser aufgepaßt, dann hätte sie das ja eigentlich mal wissen können.